5 Fragen – 5 Antworten: Die chirurgische Therapie der Adipositas

Über die letzten Jahrzehnte kam es weltweit in allen Altersgruppen und Bevölkerungsschichten zu einem drastischen Anstieg der Adipositas (Fettleibigkeit, Fettsucht). Viele Menschen leiden körperlich und seelisch darunter und wissen oft nicht, ob sie sich operieren lassen sollen bzw. können. Als letzte Konsequenz – wenn konservative Therapien nicht nachhaltig geholfen haben – besteht die Möglichkeit eines operativen Eingriffs (Bariatrische Chirurgie), der aber immer mit vielen Fragen verbunden ist. Univ.-Doz. Dr. Gerhard Prager, Leiter der Adipositas-Ambulanz an der Universitätsklinik für Chirurgie im Allgemeinen Krankenhaus Wien, stand uns in einem Videocall Rede und Antwort.

Für wen ist die Adipositaschirurgie geeignet?

Grundsätzlich ist Adipositaschirurgie für Menschen geeignet, die in einem so starken Ausmaß an Übergewicht leiden, dass es einen negativen Einfluss auf ihre Gesundheit hat. Vor allem dann, wenn die Gewichtsreduktion auf konservativem Wege nicht nachhaltig durchgeführt werden konnte. Das heißt, der große Vorteil der Chirurgie ist, dass es in der Regel zu einer nachhaltigen Reduktion von Übergewicht kommt. Operationen werden ab einem Body Mass Index (BMI) von 35 bei gleichzeitigem Vorliegen einer Begleiterkrankung – etwa Diabetes Mellitus, einem schwer einstellbaren Bluthochdruck, Gelenksbeschwerden, Wirbelsäulenproblemen, Lungenproblemen, Herz-Kreislauf-Problemen oder Schlafapnoe – durchgeführt, bei einem BMI über 40 auch ohne gleichzeitigem Vorliegen einer Begleiterkrankung.

Ist das nicht gefährlich?

In Österreich liegen die Sterberaten laut Daten des Gesundheitsministeriuns bei 1,65 Promille. Demzufolge verstarben ein bis zwei Patienten pro 1.000 Operierten. Das bedeutet, dass die Operation eigentlich sehr sicher ist – vor allem, wenn man bedenkt, dass vor allem Hochrisikopatienten profitieren. Eine Komplikation wie beispielsweise eine Nachblutung oder Undichtheit tritt im Schnitt bei einem von 100 Patienten auf. So ein Fall bedingt dann einen neuerlichen Eingriff, der in der Regel aber auch wieder minimal invasiv durchgeführt wird.

Wie läuft eine Operation ab?

In der Regel kommt der Patient zu einem Erstgespräch in die Spezialambulanz oder zu einem Arzt, der sich mit dieser Art von Chirurgie intensiv auseinandersetzt. Bei diesem werden die Wünsche und Vorstellungen des Patienten besprochen. Danach sind gewisse Untersuchungen erforderlich, um festlegen zu können, welche Art von Operation für den Patienten am besten ist. Dazu gehören eine Magenspiegelung, ein Ultraschall des Bauches, ein diätologisches Gutachten sowie Beratung bezüglich der Ernährungsweise nach der Operation. Zudem wird auch ein psychologisches Gutachten erstellt, weil ein stärkeres Ausmaß an Übergewicht meist mit Depression im Zusammenhang steht. Hier stellt sich die Frage: Was war früher da? Die Depression oder das Übergewicht? Dann wird noch eine Hormonabklärung benötigt, weil in sehr seltenen Fällen kann eine hormonelle Fehlregulation ein starkes Ausmaß an Übergewicht begünstigen.

„Es gibt verschiedene Operationsmethoden und man muss die Operationsmethode an den Patienten anpassen und nicht umgekehrt.“

Die Operation selbst wird minimal invasiv laparoskopisch durchgeführt. In unserem Zentrum haben wir ein modernes Konzept: Der Patient geht zu Fuß in den Operationssaal, legt sich selbst auf den Tisch, wird operiert – ohne Harnkatheder, Drainage oder Magensonde – und steht eine Stunde nach der Operation schon wieder auf und darf zu diesem Zeitpuntk auch wieder trinken. Wenn es ihm gut geht, verlässt er das Krankenhaus in der Regel 48 oder 72 Stunden später. Ganz wichtig ist, dass der Patient lebenslang Multivitaminpräparate und Spurenelemente einnehmen muss. Denn – je nach Operationsmethode – werden diese vom Körper nicht mehr so gut aufgenommen. Diese Bereitschaft, an so einem Nachsorgeprogramm teilzunehmen, ist eine Grundvoraussetzung für die Operation. Im ersten Jahr sind die Kontrollen etwas häufiger, später findet dann nur noch einmal im Jahr zur Kontrolle eine Blutabnahme statt.

Wenn alle Untersuchungen vorhanden sind, kommt der Patient noch einmal zu einem Gespräch und es wird die Operationsmethode festgelegt. Diese hängt wieder von verschiedenen Kriterien ab – z.B. vom Alter des Patienten oder ob er einen Diabetes oder Reflux hat. Wichtig ist auch seine Erwartungshaltung – wie viel Gewicht will er verlieren? Isst er viele Süßigkeiten oder nicht? Ist er ein High Volume-Eater, ein Lustesser, Frustesser, ein Couchpotato – da spielen viele Faktoren eine Rolle. Es gibt verschiedene Operationsmethoden – man muss die Operationsmethode an den Patienten anpassen und nicht umgekehrt.

Welche Voraussetzungen muss ich mitbringen?

Wie vorher erwähnt, der BMI von 35 kombiniert mit Begleiterkrankungen oder ein BMI von über 40 ohne Begleiterkrankungen und dann die Bereitschaft, Multivitaminpräparate ein Leben lang einzunehmen. Jedoch sollte man schon auch etliche Therapieversuche unternommen haben. Die Chirurgie steht am Ende der Therapieoptionen. D.h., erst wenn ich für mich selber und auch der Krankenkasse gegenüber nachweisen kann, dass ich schon konservative Therapieversuche erfolglos unternommen habe.

Wo finde ich medizinische Hilfe?

Der erste Ansprechpartner ist oft der Hausarzt. Man muss aber dazu sagen, dass Adipositas-Patienten sehr gut in Selbsthilfegruppen in Österreich organisiert sind. Es gibt eigene Facebook-Gruppen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Wir haben im AKH eine, aber es gibt österreichweit Selbsthilfegruppen, die sehr kompetent über die Operation, über die Probleme und die Risiken, die auftreten können, aber natürlich auch über gute Erfahrungen informieren. Auf der Webseite der Österreichischen Gesellschaft für Adipositas und Metabolische Chirurgie erfährt man, in welchen Zentren solche Operationen durchgeführt werden.

Mehr Infos: www.adipositaschirurgie-ges.at

Siehe auch: 5 Fragen – 5 Antworten: Adipositas behandeln

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