Corona und Psyche: Wie umgehen mit der Krise?

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Interview mit Magistra Doris Fischer-Danzinger. Sie ist klinische und Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin (Existenzanalyse), Coach, Supervisorin sowie Lehrtherapeutin und Ausbildungsleiterin bei der Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse (GLE) Österreich.

Sehr geehrte Frau Magistra Fischer-Danzinger. Das Corona-Virus ist nun auch in Österreich angekommen. Angst vor Ansteckung, Einschränkungen des sozialen Lebens und Zukunftsängste bewegen die Menschen. Wie erleben Sie als Psychotherapeutin die aktuelle Situation?
Ich habe das Gefühl, dass wir im Rahmen der aktuellen Entwicklungen unterschiedliche Phasen durchlaufen haben. Es scheint ein bisschen so zu sein, dass es vor allem am Anfang eine Situation war, die man noch nicht so richtig zu fassen bekommen hat. Zuerst hat man gehört, dass es da etwas in China gibt, das war aber noch weit weg. Dann ist die Anspannung gestiegen, als die Meldungen aus Italien kamen. Wider jede Vernunft war trotzdem die Hoffnung verbreitet anzutreffen, dass das Ganze vielleicht an der Grenze stehen bleiben könnte und uns gar nicht erreicht. Und dann war das Virus ganz plötzlich doch auch bei uns. Auf einmal waren wir direkt betroffen, ohne zunächst überhaupt zu wissen, was das für uns bedeutet. Erst mit der Zeit haben wir die Situation in ihrer Tragweite angenommen und sie auch besser einzuschätzen gelernt. Dafür war es vor allem notwendig, von offizieller Seite her eine gewisse Orientierung zu bekommen.

Sehen Sie in Ihrer Praxis einen Anstieg psychischer Probleme?
Einen allgemeinen Anstieg psychischer Probleme sehe ich derzeit noch nicht, auch wenn das Thema „Corona“ in den Sitzungen eigentlich immer zur Sprache kommt. Thema ist dabei vor allem das Sich-einstellen-Müssen auf etwas, das wir bislang in dieser Form noch nicht gekannt haben. Es geht dabei nicht nur um die spezifischen Einschränkungen, sondern eher um das Leben in der aktuellen Situation an und für sich. Bei Menschen allerdings, die bereits zum Beispiel durch eine Angsterkrankung oder eine Depression vorbelastet sind, kommt diese neue Situation als zusätzliche Herausforderung zur bestehenden psychischen Situation hinzu und kann sich dann unter Umständen tatsächlich als besonders psychisch belastend auswirken. Ich denke aber, es hat hier insgesamt einen deutlichen Übergang von einem akuten Bedrohungsgefühl in Richtung eines sorgenvollen Sich-Einrichtens und Beobachtens stattgefunden.

Worauf führen Sie das zurück?
Wesentlich war sicher, dass wir von den relevanten offiziellen Stellen Vorgaben bekommen haben, worum es jetzt konkret geht und wie wir uns verhalten sollen. Es geht hier – wie gesagt – vor allem auch um Orientierung. Das Neue, das Unbekannte erzeugt Besorgnis oder macht Angst. Am Beginn neigt man als Schutzreaktion eher dazu, Dinge zunächst einmal von sich wegzuschieben. Erst wenn man akzeptiert hat, dass jetzt etwas einmal „so ist“, kann man sich dieser neuen Realität stellen. Um in einen guten Umgang mit einer Situation kommen zu können, muss ich also zunächst einmal verstehen, womit ich es zu tun habe, und ich muss auch sicher sein, dass es mich nicht auf der Stelle vernichtet. Erst dann kann ich mich mit dem, was mich belastet oder was mir Sorgen bereitet, sinnvoll auseinandersetzen.

Welche Sorgen sind dies derzeit ganz konkret?
Ich würde, sagen in einem ersten Schwung waren es zunächst das Virus und die Ansteckungsgefahr an und für sich. In einem zweiten Schwung sind dann die wirtschaftlichen Sorgen hinzugekommen: Werde ich meinen Job behalten, werde ich meine Miete weiterhin bezahlen können? Zu den Gedanken über die eigene Situation kommen dann noch die Sorgen, wie man älteren Angehörigen, die man nicht besuchen soll, beistehen kann. Für manche Menschen geht es aber tatsächlich auch um die Frage: Werde ich überleben?

Viele Menschen halten sich an die Vorgaben und bleiben zu Hause, viele Firmen ermöglichen ihren Mitarbeitern das Arbeiten im Homeoffice. Was bedeutet das für das Zusammenleben?
Auch diese Dimension ist sehr relevant. Viele Menschen sind jetzt in einer Situation, in der sie sich so normalerweise kaum vorfinden. Ich denke da zum Beispiel an Mütter und Väter, die vor der Herausforderung stehen, mehr oder weniger über 24 Stunden als Familie und mit den Kindern zusammen im Haushalt zu sein, weil für sie keine Möglichkeit besteht, die Kinder zeitweilig abgeben zu können. Viele von ihnen sind jetzt zwar zu Hause, aber untertags eigentlich im Job, weil sie im Homeoffice ihrer Arbeit nachgehen müssen, gleichzeitig müssen aber die Kinder beschäftigt werden. Es geht also um die Frage, wie man die Tage strukturieren soll. Auch das ist eine neue Situation, in die man sich erst einfinden muss.

Welche Rolle spielt der unsichere zeitliche Horizont der gegenwärtigen Corona-Krise?
Eine ganz wesentliche sogar. Es ist ein Unterschied ob man weiß, dass man sich jetzt zwei Wochen mit der Situation auseinandersetzen muss oder ob man sozusagen mit einem Open End konfrontiert ist, wo der Zeithorizont eben nicht abschätzbar ist. Die Menschen fragen sich: Wie lange wird es dauern? Was kommt danach? Wir lernen derzeit quasi von Tag zu Tag, wie es weitergeht. Ich empfehle, hier besonders auf zwei Dinge zu achten: einerseits nicht zu weit in die Zukunft zu denken, sondern sich mehr auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, und zweitens, nicht allzu streng mit sich (und anderen) zu sein, wenn Dinge nicht so laufen, wie ich sie mir vorgestellt oder vorgenommen haben. Es ist wie gesagt eine ganz neue Situation, in die wir jetzt alle gestellt sind.

Wie es genau weitergeht, kann derzeit ja auch die Wissenschaft nicht genau vorhersagen. Wie kann ich persönlich mit dieser Unsicherheit am besten umgehen?
Zunächst geht es darum, darauf zu schauen, welche Informationen ich brauche, um mich dahingehend orientieren zu können, wie ich im Hier und Jetzt und in den nächsten Tagen leben kann. Es macht wenig Sinn, zu weit in die Zukunft zu schauen und Schwarzmalerei zu betreiben, denn genau dafür fehlt weitestgehend das nötige Wissen. Wichtig ist auch, sich bei der Informationsbeschaffung an seriöse Quellen zu halten. Seriöse Information gibt Sicherheit. Daneben bedarf es dabei aber auch der Achtsamkeit für ein „Genug an Information“.  Sich der Dauerberichterstattung auszusetzen kann mir mehr Angst machen als mir ein Mehr an notwendigem Wissen bringen.
Dann ist es auch gut, einmal Stopp zu sagen, und sich darauf zu beschränken, strukturiert und gezielt zum Beispiel nur die Nachrichten anzuschauen. Das gilt auch für den Umgang mit sozialen Medien, auch hier kann ich klar sagen, jetzt will ich einmal nichts mehr davon hören oder lesen.

Eine weitere Möglichkeit, mit der Unsicherheit umzugehen, ist es, sich mit anderen auszutauschen, wie sie konkret mit der Situation umgehen. Austausch erzeugt Kreativität und eröffnet Lösungsmöglichkeiten. Dies gilt im Übrigen auch dann, wenn die Realität sich besonders hart zeigt, zum Beispiel bei finanziellen Einbrüchen oder Jobverlust. Da hilft es, mir anzuschauen, was andere in der gleichen Situation tun und welche konkreten Hilfestellungen es gibt. Es heißt, jede Krise berge auch eine Chance. Ist so eine Aussage in der jetzigen Situation zynisch? Die Realität „schert sich nicht darum“, ob wir sie akzeptieren oder nicht – sie ist einfach da. Um mit ihr umgehen zu können, muss ich sie zunächst einmal annehmen.

Wenn ich zum Beispiel das Haus nicht verlassen kann, muss ich in einem ersten Schritt einmal klären, welche meine derzeitigen Bedingungen und Möglichkeiten tatsächlich sind. Es ist meistens nicht „Nichts“ möglich. Die Freiheit ist zwar eingeschränkt, aber innerhalb meines Rahmens kann ich prüfen, welche Alternativen mir zur Verfügung stehen: Gibt es zum Beispiel Dinge, die ich schon länger machen wollte, aber wofür mir die Zeit gefehlt hat? Dann kann ich mir das einmal auflisten und wählen, welcher Sache ich mich widmen will. Jetzt ist ja – wenn auch unfreiwillig – häufig die Zeit dafür da. Auch zu schauen, ob ich unter Umständen auf gewisse Dinge verzichten kann, ist ein möglicher Umgang mit der Realität. Ich kann mir darüber hinaus überlegen, wie ich anderen in meinem Umfeld – zum Beispiel älteren Nachbarn oder Freunden – Unterstützung bieten kann. Voraussetzung ist jedenfalls, die neue Realität als gegeben anzuerkennen. Das gibt mir erst die Möglichkeit, in eine gewisse Distanz zu kommen und auch die Freiheit zu entscheiden, wie ich mit ihr umgehen will.

Wird die jetzige Krise unsere Gesellschaft verändern?
Ja, das glaube ich schon. Ein Beispiel ist, dass wir gesehen haben, wie schnell wir Angst bekommen können, dass Lebensmittel oder Gegenstände des Alltages plötzlich nicht mehr selbstverständlich verfügbar sind. Es ist eine Art der Unverfügbarkeit, die wir plötzlich erleben und nicht (mehr) gewohnt sind. Ältere Menschen kennen diese Unverfügbarkeit ja viel mehr als wir aus der Nachkriegsgeneration. Ein eher erheiterndes Beispiel stellen in diesem Zusammenhang die Hamsterkäufe beim Toilettenpapier dar. Weniger belustigend waren dann die ersten Aufnahmen von leeren Lebensmittelregalen. Wir werden uns bewusster, was es eigentlich bedeutet, die Dinge gesichert zur Verfügung zu haben. Auch das Mehr an Zeit ist ein uns verändernder Faktor. Wir erleben gerade, wie es ist, wenn wir auf uns selber zurückgeworfen sind. Der berühmte französische Mathematiker, Physiker und Philosoph Blaise Pascal hat einmal gesagt: „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“. Wir fühlen und spüren jetzt, was es bedeutet, mit sich zu sein und wenig Ablenkung zu erfahren. Das erfordert, dass ich zu einer gewissen Ruhe und Haltung komme, dass ich mich auch auf mich einlassen kann. Auch das Erleben von Solidarität ist etwas Beeindruckendes, zum Beispiel wenn einem älteren Menschen in einem Wohnblock von Mitbewohnern Hilfe bei Einkäufen angeboten wird. Da erlebe ich dann, dass sich andere Menschen meiner Existenz und meiner Situation bewusst sind. All das verändert uns und hat es zum Teil sicher auch schon getan.  Ein Patient hat mir zum Beispiel erzählt, dass in seinem Wohnblock eine Gruppe, die ansonsten eher als „Fussballrowdies“ erlebt wird, sich rührend älteren Mitbewohnern für Einkäufe etc. zur Verfügung stellt. Bisher gab es zwischen diesen beiden Gesellschaftsgruppen kaum oder eher einander ablehnenden Kontakt. Diese Krise eröffnet durchaus auch Sichtweisen, die Haltungen und Einstellungen verändern können.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Dr. med. Christian Tatschl