Die Pandemie und die Einsamkeit: Helfen Sie und sprechen Sie mit Alleinstehenden!

einsamkeit

Noch nie hat eine Erkrankung das Leben so vieler Menschen weltweit so radikal verändert wie die Corona-Pandemie. Letztlich hat sich der gesamte Umgang der Menschen miteinander in kurzer Zeit massiv geändert. Viele selbstverständliche Formen des zwischenmenschlichen Kontaktes sind stark eingeschränkt oder der Pandemie gänzlich zum Opfer gefallen. Vereinsamung und Einsamkeit sind aufgrund der Corona-bedingten Maßnahmen zu einem Massenphänomen geworden. Seien Sie sich dessen bewusst und kümmern Sie sich in dieser Zeit vielleicht mehr um alleinlebende Menschen.

Psychiater und Psychotherapeut Dr. Günter Klug, Präsident von pro mente Austria, wies bei einem virtuellen Online-Meeting darauf hin, dass das Phänomen der Vereinsamung aber bereits vor der Pandemie eingesetzt habe, die Pandemie aber diese gesellschaftliche Entwicklung „wie unter einem Brennglas in radikaler Weise verstärkt und ans Tageslicht bringt“.

Wichtig sind auch immer positive Signale im Denken. Daher wäre es im Sinne eines positiven Mind-Settings wichtig, den Begriff Sozial Distancing durch den Begriff Physical Distancing zu eretzen. Günter Klug: „Wir müssen uns zwar körperlich getrennt aufhalten, müssen aber soziale Kontakte sehr wohl auf andere Art aufrechterhalten.“

Als „Brandbeschleuniger“ in Sachen Einsamkeit bezeichnete Mag.a Sonja Hörmanseder, Geschäftsfeldleiterin der Krisenhilfe Oberösterreich, die Corona-Pandemie. Vereinsamung finde quer durch alle Altersgruppen, quer durch alle sozialen Schichten statt, wobei eine angespannte finanzielle Situation das Problem häufig noch zusätzlich verschärfe. „Rund um die Weihnachtsfeiertage wird diese oft radikale Entwicklung vielen Menschen besonders schmerzhaft bewusst“, so Sonja Hörmanseder.

Jeder Zweite ist einsam

Eine EU-weite Studie des Unternehmens Kaspersky zeigt, dass im ersten Lockdown ca. 47% der Österreicher zumindest gelegentlich Einsamkeit empfanden (EU-Schnitt 52%). Vor allem die jüngere Generation war besonders stark davon betroffen. 70% glauben zwar, dass die Digitalisierung geholfen hat, mit anderen Menschen zumindest virtuell in Kontakt zu bleiben, aber nur 42% (EU 52%) glauben, dass die virtuelle Kommunikation auch dabei hilft, Einsamkeit zu bekämpfen. Studien aus dem ersten Lockdown zeigen weiters, dass der psychische Stress deutlich gestiegen ist.

Günter Klug: „Bereits im Vorjahr hat sich die Weltgesundheitsorganisation WHO besorgt geäußert, dass immer mehr Menschen alleine leben und auch ihre Zeit alleine verbringen. Nach einer Statistik der EU verbringen bestürzende 7% der Bevölkerung nie Zeit mit FreundInnen und Verwandten. Und das Jahr für Jahr! Eine Entwicklung, die durch die Pandemie erwartbar noch verschärft wird.“

Wenn niemand zum Reden da ist …

Einsamkeit zeigt sich dann, wenn man sich jemandem anvertrauen möchte, aber keine geeignete Bezugsperson zum Reden da ist. Besonders betroffen sind gemeinhin Menschen mit chronischen Erkrankungen, psychisch belastete bzw. erkrankte Menschen, ältere Menschen und unfreiwillig Alleinlebende. Sonja Hörmanseder: „Neu ist, dass dieses Phänomen nun aber auch deutlich breitere Kreise trifft: Zum Beispiel Menschen, die ‚mitten im Leben stehen‘, auch Jugendliche und junge Erwachsene, die derzeit keine Freunde treffen dürfen bzw. in der Partnersuche behindert sind.“

Verstärkt betroffen sind auch AlleinerzieherInnen, die mit ihren Belastungen noch mehr als sonst auf sich gestellt sind. Von Einsamkeit betroffen sind auch Menschen, denen im monatelangen Homeoffice eine wichtige Säule des sozialen Lebens abhanden gekommen. Ähnlich ergeht es vielen Menschen, die in Pension sind.“

Wie gefährlich Einsamkeit ist, betonte Günter Klug: „Die derzeitigen sozialen und demografischen Trends tragen dazu bei, dass die Zahl der Menschen mit erhöhtem Einsamkeits-Risiko steigt. Sozial isolierte Menschen haben ein 2-3 fach höheres Risiko, in einem bestimmten Zeitraum zu sterben. Soziale Desintegration stellt für die Verkürzung der Lebenszeit ein höheres Risiko als Übergewicht, hoher Blutdruck oder Rauchen dar.“

Große Aufgaben für die Zukunft

Was aber würden die Menschen nun brauchen?

  1. finanzielle Sicherheit: das eigene Leben gut weiterführen können (Arbeit, Einkommen, Wohnung, gesunde Ernährung etc.)
  2. humane Sicherheit: die Möglichkeit, eigene Fähigkeiten durch Bildung, Anregung, Kunst, Bewegung etc. entwickeln zu können
  3. soziale Sicherheit: Zeit und Möglichkeit, soziale Ressourcen zu pflegen, und das nicht nur zu Hause, sondern auch in einem motivierenden Umfeld

Um gut durch die Krise zu kommen, muss auch die Hoffnung auf eine stabile Zukunft ermöglicht werden. Dazu braucht es:

  • ein klares, verständliches und nachvollziehbares Vorgehen der Regierung mit guten Erklärungen, das uns gut durch die Zeit der Krise führt
  • eine Stabilisierung des Arbeitsmarktes
  • ein frühzeitiges und effizientes Unterstützen nicht nur bei wirtschaftlichen, sondern auch bei psychischen und sozialen Problemen
  • Projekte gegen Einsamkeit und Stress auf breiter Ebene, da sie Auslöser für körperliche und psychische Erkrankungen sind
  • die Gewährleistung, dass die Aufnahme in stationäre Einrichtungen auch für psychisch Erkrankte selbst während der Pandemie immer problemlos möglich ist
  • bereits jetzt die Erarbeitung langfristiger, realistischer Konzepte für die „Zeit danach“ hinsichtlich wirtschaftlicher, humaner und sozialer Sicherheit

Günter Klug: „Österreich hat noch viele Baustellen in der psychosozialen Versorgung. Durch die zu erwartende höhere Zahl der Betroffenen über die nächsten Jahre hinweg muss dieser Bereich dringend gestärkt werden. Wenn die Corona-Pandemie vorbei ist, ist mit massiven Sparpaketen zu rechnen. Es ist von größter Wichtigkeit darauf zu achten, dass der psychosoziale Bereich bei diesen Sparpaketen nicht ‚unter die Räder‘ kommt!“

pro mente Austria ist der Dachverband von 24 gemeinnützigen Organisationen, die in Österreich im psychosozialen und sozialpsychiatrischen Bereich tätig sind.
www.promenteaustria.at