Neurowissenschaft: Das biologische Prinzip der Selbstheilung

Welchen neurobiologischen „Sinn“ hat Glück? Finden wir Glück und Zufriedenheit im Gehirn? Welche Bedeutung hat die Erwartung? Und welche die Selbstheilung? Univ.-Prof. Dr. Tobias Esch, Gesundheits- und Neurowissenschaftler und Buchautor, hielt einen interessanten Vortrag zu dem Thema beim Kongress für Allgemeinmedizin in Graz.

Selbstheilung ist ein biologisches Prinzip. Der organische Ursprung solcher Selbstregulationsphänomene liegt im Gehirn. Moderne Analyse- und Bildgebungsverfahren lassen kaum einen anderen Schluss zu: Begleitet von der Ausschüttung charakteristischer Botenstoffe (z.B. Dopamin) werden unter anderem Zentren und Netzwerke aktiviert, die sich insbesondere in stammesgeschichtlich alten Arealen des zentralen Nervensystems befinden, z.B. in limbischen Belohnungsregionen. Interessanterweise scheinen viele „Selbstheilungstechniken“ ihre Wirkungen zum Teil über jene Prozesse zu entfalten: Das, was diesen Mechanismus im Einzelnen aktiviert, mag spezifisch und stark biografisch oder kulturell geprägt sein (das heißt konditioniert) – und somit individuell.

Selbstheilung & Placeboeffekt

Der Mechanismus selbst aber scheint eher einem universellen, biologischen Prinzip zu folgen. Glück wäre demnach individuell und generell – das heißt prinzipiell – zugleich. Ganz ähnlich dem Placeboeffekt. Der Placeboeffekt beruht unter anderem auf einem System der Selbstregulation, das heißt zunächst auf dem Vorhandensein und Funktionieren der entsprechenden biologischen bzw. physiologischen „Apparatur“. Damit es zu seiner Auslösung kommt, müssen diverse Faktoren zusammenkommen: Eine eingeprägte positive Erfahrung führt bei „passender Gelegenheit“ – abhängig von der konkreten Konditionierung, auch des Kontextes – zu einer positiven Erwartung.

Damit werden auch ein positiver Ausgang antizipiert und die regulativen Prozesse in jene Richtung gelenkt. Das entsprechend fokussierte Aufmerksamkeitsfenster lässt keinen anderen Ausgang erwarten: Man „traut“ sich das bereits erlebte, positive Ergebnis erneut zu. All das ist durch die beschriebenen Hirnzentren prinzipiell herstellbar – sie stellen in diesem Kontext eine systemische und funktionelle Einheit dar. In Bezug auf den Betroffenen selbst (den „Regulierenden“) bedeutet dies, dass Heilung „möglich“ erscheint und sich innerhalb des intentionalen Wahrnehmungs- und Wahrscheinlichkeitsfensters befindet.

Rituale wiederum sind Kontexte. Und jene sind besonders häufig – kulturell, aber auch situativ – positiv besetzt. In diesem Sinne können wir Heilungsrituale heute auch als praktischen Anker jener (neuro-)biologischen und psychomentalen Zusammenhänge verstehen und die Mind-Body-Medizin als „angewandten Placeboeffekt“, die Selbstheilung als eine Art „Placebomedizin“. In jedem Fall aber scheinen die geschilderten Phänomene rund um die Selbstregulation nach wie vor von hoher Relevanz für die (Allgemein-)Medizin zu sein – in Forschung, Selbstverständnis und Anwendung.

Buchtipp: Der Selbstheilungscode – Die Neurobiologie von Gesundheit und Zufriedenheit, Prof. Dr. Tobias Esch, ISBN:978-3-407-86443-7, Erschienen: 05.01.2018, beltz.de/tobias_esch