Perspektivenwechsel hilft – auch in der Corona-Krise

Taucht das gleiche Problem immer wieder mit der Zeit in anderen Situationen bzw. mit anderen Menschen auf oder gibt es ein großes Problem mit einem bestimmten Thema, so gibt es laut Klaus Vollmer nur eine Methode, um den Teufelskreis zu durchbrechen: Ein Perspektivenwechsel. Im Interview zeigt er auf, wie sich sich das auch in der Corona-Krise umsetzen lässt.

Sei es beruflich oder privat: In jeder Situation ist das Zusammenkommen unterschiedlicher Betrachtungsweisen – also die Akzeptanz von Unterschiedlichkeit und das Zulassen von neuen Gedanken – zielführend und erfolgversprechend. In seinem Buch „Perspektivenwechsel als Methode. Strategien, Tools und Übungen zur Persönlichkeitsentwicklung“ motiviert der Wirtschaftspsychologe und Coach Klaus Vollmer zu mehr Offenheit für unterschiedliche Ansichten.

Das Buch ist eine Einladung an alle, durch das bewusste Wechseln der Blickrichtung festgefahrene Erwartungen loszulassen und Lösungen zu finden. Praxisorientiert stellt der Autor eine Vielzahl an konkreten Übungen für den Perspektivenwechsel vor. Dabei greift er auf erprobte Theorien und Strategien aus der Psychologie zurück, erklärt wissenschaftliche Hintergründe und zeigt, wie die Übungen spielerisch in den Alltag integriert werden können.

Perspektivenwechsel als Methode: Strategien, Tools und Übungen zur Persönlichkeitsentwicklung. Mit Beispielen aus Film, Regie und Kamera. Mit E-Book inside (Deutsch) Gebundene Ausgabe – 5. März 2019, Verlagsgruppe Beltz, ISBN 978-3-407-36667-2

Klaus Vollmer im Interview zum Thema Perspektivenwechsel in der Corona-Krise

Herr Vollmer, Ihr Buch „Perspektivenwechsel als Methode“ zeigt, wie effektiv uns mentale Flexibilität weiterbringen kann. Ist ihre Methode in Corona-Zeiten direkt anwendbar?

Gerade jetzt ist sie besonders wichtig! Die durch Covid-19 ausgelöste Situation ist durch keinen von uns beeinflussbar. Aber was wir beeinflussen können ist, wie wir persönlich mit dieser Situation umgehen. Geben wir uns der nachvollziehbaren Sorge und Angst hin, indem wir uns auf die negativen Schlagzeilen und Bilder konzentrieren oder sagen wir bewusst „STOPP – Wechsel der Perspektive“ und schauen auf das, was wir in den letzten Monaten geschafft und erreicht haben. Der Blick hierauf zeigt auch sehr Erfreuliches: eine ungeahnte Solidarität und Hilfsbereitschaft unter den Menschen, eine bisher nicht dagewesene Flexibilität von Unternehmen im Umgang mit dem Homeoffice und durch gelebte Selbstverantwortung und Verantwortung für Andere eine positive Entwicklung der Infektionszahlen.

Wir haben die Wahl, welche Perspektive wir einnehmen, worauf wir schauen. Mit dieser Wahl entscheiden wir uns für Angst oder Zuversicht. Es geht keineswegs darum, eine rosarote Brille aufzusetzen oder vor Krankheit und existenziellen Sorgen die Augen zu verschließen. Es geht darum, gezielt die Möglichkeiten des Perspektivenwechsels zu nutzen, um uns selbst wieder in einen kraftvollen Zustand zu bringen, um neue Möglichkeiten und Lösungen für uns und andere zu sehen.

Vielfältige Teams mit diversen Sichtweisen gelten im beruflichen Umfeld als Stärke. In Ihrem Buch weiten Sie den Ansatz auf alle Situationen aus, in denen Menschen zusammenkommen. Kann diese Strategie aktuell Lösungen bieten?

Auf jeden Fall. Aber lassen Sie mich vorweg eine Einschränkung machen. Nicht per se in allen Situationen sind vielfältige Teams gegenüber Einzelpersonen oder homogenen Gruppen gegenüber immer im Vorteil. Das wäre eine unzulässige Vereinfachung. Wenn es jedoch um komplexe Herausforderungen geht und die Beteiligten ihre Unterschiedlichkeit akzeptieren und anerkennen, dann sind vielfältige Teams eindeutig im Vorteil.

Würden Sie die zentralen Ziele Ihres Konzeptes – Erfolg und persönliche Weiterentwicklung für ein gutes Leben – heute, wo viele um die nackte Existenz kämpfen, anders gewichten?

Die zentralen Ziele meines Konzeptes sind persönliche Lebenszufriedenheit, die eigenen Möglichkeiten und Potentiale auszuschöpfen und dort – wo eben möglich – als „Regisseur meines Lebens“ selbst die Verantwortung zu übernehmen. Daran hat sich durch die derzeitige Situation nichts geändert. Sie macht vielmehr deutlich, wie wichtig es ist, sich schnell auf neue Situationen und Gegebenheiten einstellen zu können, Vertrautes aufzugeben und sich neuen Perspektiven und Möglichkeiten zuzuwenden.

Was betrachten Sie als essentielle Einstellung und Strategie, um durch die Corona-Krise zu kommen? Was wäre kontraproduktiv?

Essentiell sind für mich in dieser Situation Zuversicht, Offenheit für Neues und Solidarität. Als kontraproduktiv betrachte ich Verharren in Angst und Sorge, die Suche nach Schuldigen und das Verbreiten von Verschwörungsmythen.

Während ein unterstützendes Miteinander gerade erstaunlich gut funktioniert, müssen wir Kontrollverlust hinnehmen. Wie bewerten Sie diese Beobachtung bzw. Herausforderung?

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass das Gefühl, Kontrolle über sein eigenes Leben zu haben, einen entscheidenden Einfluss auf die Lebenszufriedenheit hat. Die Fülle von Einschränkungen, die wir im Moment erleben, birgt damit die Gefahr, dass sich die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben verringert. Aber das muss nicht zwangsläufig so sein. Auch hier kommt es darauf an, wie wir die Situation bewerten – und das haben wir selbst in der Hand.
Die Einsicht, dass es keine willkürlichen Verbote sind, die uns das Leben versauern und schwer machen sollen, sondern dringende Empfehlungen auf der Basis derzeitiger wissenschaftlicher Erkenntnisse, die zu unserem eigenen Schutz und dem gefährdeter Personen ausgesprochen werden, lassen es uns wesentlich besser ertragen. Wenn wir die Empfehlungen als Fürsorge anstatt als einschränkende Regeln wahrnehmen, geht es uns viel besser damit – auch wenn dies manch einem zu weit geht. Gleichwohl ist meine große Hoffnung, dass wir in der Tat aus der Krise nachhaltig lernen und wichtige Erkenntnisse mitnehmen.

Spontan fällt mir ein

  • dass wir uns aufeinander verlassen können, wenn es darauf ankommt,
  • dass wir bei politischen Entscheidungen die Wissenschaft mehr beteiligen,
  • dass wenig beachteten Berufsgruppen die ihnen zustehende Wertschätzung entgegengebracht wird und
  • dass die Digitalisierung den notwendigen Schub bekommt.

Das Interview führte Ulla Müller.